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Was heißt es, „europäisch“ zu sein?

Ein Projekt der Kunstvermittlung des Kunstvereins Göttingen mit Jugendlichen der BBS am Ritterplan unter Einbeziehung der Ausstellung von Berenice Güttler.

Der europäische Zusammenhalt wird aktuell auf eine harte Probe gestellt. Andererseits ist europäisch zu sein für heutige Jugendliche eine alltäglich gelebte Realität, auch wenn ihnen das nicht immer bewusst ist. Die Lebensrealität der Jugendlichen wird von europäischen Entwicklungen entscheidend geprägt, Stichwörter wie Bologna-Prozess, Binnenmarkt, Jugend(austausch)programme machen das exemplarisch deutlich.

Wir wollten mit angehenden Erzieher/innen der BBS am Ritterplan künstlerisch erkunden, was dies für sie bedeutet. Die Ausstellung von Berenice Güttler, die in ihren textilen Objekten Stoffe, Techniken und Muster verschiedener Kulturen verwendete, bot Anlass zur Auseinandersetzung und Anregungen für eigene Gestaltungen. Ihre Beziehungen zu Europa, ihre Gedanken und Wünsche, setzten die Jugendlichen in einem Workshop mit Ute Wieder und Dagmar Riggers in Europakarten auf Stoff und einem „Europamantel“ als zentralem Symbol um.

Bereits beim Ausstellungsbesuch wurde mit einer Stoffbahn performativ experimentiert, in die sich mehrere der Teilnehmenden einhüllten. Schon hierbei wurden zwei zentrale Aspekte jeder engeren Gemeinschaft fühlbar und augenfällig: sie bietet einerseits Schutz, Geborgenheit für den Einzelnen, man kann sich dadurch aber auch eingeengt fühlen.

Im weiteren Verlauf beschäftigten sich die Schüler/innen zunächst mit dem Thema „Jugend in Deutschland“. Dazu entwarfen und nähten sie Mäntel, deren Innenseiten sie mit Symbolen für Problemstellungen und Wünsche ausstatteten. In einem dazu entstandenen Video präsentieren sie ihre Mäntel und erläutern die Symbole, vom eher harmlosen Wunsch nach einem Motorrad über Zukunftsängste, ungewollte Schwangerschaft bis hin zu prekären familiären Verhältnissen. Sie erzählen hierbei jedoch nicht ihre persönlichen Geschichten, sondern schildern Problemlagen ihrer Generation. Im zentralen Workshop schrieben die Teilnehmer/innen zunächst ihre Assoziationen zum Thema "Jugend in Europa" in einer großen Spirale auf Papier. Anschließend zeichneten sie eine große Europakarte auf Stoff, die mittels eines Beamers übertragen wurde. Auf diese Karte wurde ein Transparentpapier gelegt, auf dem die Schüler/innen Verbindungslinien zu einzelnen Ländern zeichneten. Die Linien zeigen, zu welchen Regionen in Europa Kontakt besteht oder mit welchen sie Wünsche verbinden.

Gemeinsam wurde dann ein Entwurf für einen "Europamantel" erarbeitet und genäht. Hier sind auch England, trotz Brexit, sowie Norwegen und die Schweiz, die ja nicht Mitglieder der Europäischen Union sind, aufgenommen. Zudem thematisieren die Jugendlichen in dem Mantel auch die Gefahren, denen sich Flüchtlinge aussetzen müssen, um zu uns zu kommen. Des Weiteren entstanden Texte und Zeichnungen, die sich auf den Mantel und dessen Aussagen beziehen.

Der "Europamantel“ und die Texte und Zeichnungen wurden zusammen mit den anderen Mänteln und dem Video für die Ausstellung aller Kunstvermitllungsprojekte vom 29. Oktober bis zum 17. Dezember 2017 im Alten Rathaus zu einer beeindruckenden Installation angeordnet.

In dem „Europamantel“ zeigt sich, dass sich zumindest diese Jugendlichen ein buntes, ein vielfältiges Europa wünschen, das die Eigenheiten der einzelnen Länder und ihrer Menschen respektiert, aber ohne Grenzen und Nationalismen. Es sollte, wie der Mantel, Raum für Vielfalt und den Bedürftigen Schutz bieten. Das Projekt wurde gefördert von KUNST e.V.

Fotos:  Peter Heller und Theodoro Alciro da Silva